SySt Lernreise – Woche 3: Gruppensimulationsverfahren

Dieser dritte Blog meiner Lernreise zu Systemischen Strukturaufstellungen nach SySt hat mir vor allem die Erkenntnis gebracht: Strukturaufstellungen kommen ohne Information über die Situation (oder gar die Vorgeschichte) der KlientIn aus!

Als wesentlicher Unterschied zu anderen Gruppensimulationen (Moreno/Satir/..) wird immer wieder die “repräsentierende Wahrnehmung” genannt. Warum das wesentlich ist? was ist das eigentlich? Ich versuche das mal wiederzugeben. Am Schluss dürft ihr kommentieren, ob es klar geworden ist ;).

Der Urprung der SySt Gruppensimulationsverfahren liegt in zwei Formaten: Das “Psychodrama” und die “Soziometrie” nach Jacob Levy Moreno (1889 – 1974, Österreich / USA). Soziometrie kann man einfach an einem Beispiel beschreiben: Anstatt jedes Gruppenmitglied nach seinem Alter zu fragen, kann man ein Bild erstellen lassen. Dazu bittet man die Teilnehmer sich nach Alter sortiert aufzustellen. Der Vorteil liegt in der bildlichen Darstellung von Zusammenhängen/Verhältnissen/Beziehungen zwischen den Teilnehmern. In einem Psychodrama wird das Thema einer KlientIn in einer Gruppe gespielt. Hier steht das Handeln des Hauptdarstellers (der KlientIn) und die Reaktionen der übrigen Teilnehmer im Vordergrund und soll dabei Kreativität für mögliches Verhalten anregen.

Ein Schlüssel für beide Verfahren ist die “Externalisierung”. Sie bedeutet, dass die KlientIn ihre Situation in einem Bild (Soziometrie), bzw. Rollenspiel (Psychodrama) von außen betrachten kann.

Virginia Satir (1916-1988, USA) – Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibed lernten bei Ihr. Sie erstellte für ein Psychodrama sogar sowas wie ein Drehbuch. Eingesetzt in der Familientherapie war hierfür die volle Information über die Familiengeschichte notwendig. Satir arbeitete insbesondere auf Versöhnung hin und nutzte dazu oft die Methode des Reframing. Rollenspieler wurden von Satir nicht nur angeordnet, sondern auch in Gestik, Lage, Körperhaltung usw. von der KlientIn zu einer Art “Skulptur” gestaltet, welche dann Ausgangspunkt der Arbeit bildete.

SySt Aufstellungen arbeiten ohne Rollenspiel und es wird nur die Anordnung der Repräsentanten im Raum zueinander vorgegeben. Auch ist ein wesentlicher Unterschied, dass für eine Systemische Strukturaufstellung nach SySt KEINE Information über die Situation oder die Vorgeschichte des Klienten notwendig ist. Die Repräsentanten müssen nicht einmal wissen, was sie repräsentieren. Aufgestellt wird einzig die IST-Situation.

SySt arbeitet an den Beziehungen zwischen den aufgestellten Elementen. Die Beziehung wird ausschließlich durch die Positionierung der Repräsentanten zum Ausdruck gebracht und ruft entsprechende Reaktionen der Repräsentanten hervor. Diese Reaktionen allein helfen der KlientIn Gedanken zu entwickeln, die in ihrer Situation zu einer Verbesserung führen können.

Repräsentierende Wahrnehmung bedeutet also, dass Repräsentanten lediglich eine Wahrnehmung aus ihrer Positionierung in der Gruppe entwickeln. Die Repräsentanten beschäftigen sich nicht mit der eigentlichen Situation der KlientIn – denn sie kennen sie zumeist garnicht. Einzig die KlientIn überträgt die Reaktionen der Repräsentanten auf ihre Situation.

Kommentar zum Gelernten:

Ich fühle mich bei SySt goldrichtig – denn ich sehe in dem Fokus auf die Ist-Situation und daraus hervorgehende Ansätze zur Verbesserung eine wesentliche Zutat zur Lösungsfokussierung. Ich habe selber zu häufig erlebt, dass ich in Gesprächen über Probleme wieder und wieder meine Geschichte erzähle – wobei diese jedes mal vollständiger abgerundet wurde. Einer Verbesserung kam ich aber nicht näher, vielleicht sogar im Gegenteil. Für meine Gesprächspartner wurde es immer leichter mich zu verstehen, samt meiner vertrackten Lage. Lösungsansätze entstanden dabei selten.

Alles klar? Nein? Dann schreib mir einen Kommentar – ich würde mich sehr freuen, meine frischen Lern-zugewinne gemeinsam zu vertiefen.

PS: Für die ganze Serie der Blogs zu meiner SySt Lernreise habe ich jetzt eine Kategorie angelegt 😉

Bis bald – Euer Bene

SySt Lernreise – Woche 2 – Transverbale Sprache

Die zweite Woche meiner Lernreise zu Systemischen Strukturaufstellungen will ich auch wieder mit einer Zusammenstellung meiner Lernerfahrungen begleiten. Basis ist der zweite Teil der ersten SySt DVD.

Transverbale Sprache – Insa Sparrer erklärt, wie die SySt Arbeit als Sprache dargestellt werden kann. Diese Sprache beinhaltet verbale und nonverbale Sprache. Und jetzt wird es interessant: Sie beinhaltet auch alles, was zwischen den Gesprächsteilnehmern passiert. Dazu gehört das Gefühl, das beispielsweise durch den Abstand zwischen zwei Menschen entsteht – nah oder fern / zugewandt oder abgewandt stehen macht einen Unterschied.

Die Sprache wird definiert durch die Gruppe, die sie spricht – also durch die Summe der Beziehungen in der beteiligten Gruppe.

Jetzt kommen wir zu einem der wesentlichen Geheimnisse der Strukturaufstellungen: Oft ist es Menschen möglich in der hier beschriebenen transverbalen Sprache darzustellen, was sie in der verbalen und nonverbalen Sprache nicht ausdrücken könnten. Die Aufstellung bietet also dem Klienten eine zusätzliche Komponente, welche Erkenntnisse bringen kann. Eben durch die Aufstellung von Representanten im Raum und deren Reaktion auf die entstehenden Beziehungen können Erkenntnisse entstehen.

Guter Satz von Insa Sparrer: “Jede Frage kann die letzte sein, die wir stellen müssen”. Denn zu jedem Moment kann der Klient die für ihn notwendigen Erkenntnisse gewonnen haben. Beispielsweise ist es nicht zwingend notwendig, von der transverbalen Sprache wieder in die verbale Sprache zu übersetzen.

Strukturaufstellung: Ein Klient wird von einem Aufstellungsexperten dabei unterstützt eine zu klärende Situation durch Representanten (Menschen) in einem Raum darzustellen. Die KlientIn bestimmt, wo und wie die Representanten (die meist nicht wissen, wen oder was sie representieren) sich im Raum aufstellen sollen. Representanten geben nun ihre Empfindungen preis, welche durch diese Aufstellung bei ihnen geweckt wird. Eine Intervention kann sein, dass die KlientIn die Aufstellung einzelner Representanten verändert (Ausrichtung, Positionierung im Raum). So kann die KlientIn mit der Situation experimentieren, was in der echten Situation eben nicht möglich wäre. Dadurch entsteht der Mehrwert einer Aufstellung.

Anmerkung: Ich versuche hier nach jetzigem Kenntnisstand kurz zu beschreiben, was eine StrukturAufstellung eigentlich ist. Dies ist nicht Inhalt der DVDs, daher hier meine persönliche Ergänzung.

Zurück zum Bild SySt als Sprache: Eine Frage ist in der Strukturaufstellung eine Intervention (beispielsweise die Veränderung der Positionierung der einzelnen Representanten). Die Antwort zeigt sich in den “Unterschiedsempfindungen” der Representanten. Dazu muss kein Wort gesprochen werden, sofern die Empfindungen nonverbal sichtbar werden.

Nachprüfungen, ob die Antwort der Representanten nützlich für die/den KlientIn sind, werden verbal oder nonverbal ab; “bin ich im richtigen Film?”. Wesentlich hierbei ist: Ob die Antwort/reaktion der eigenen RepresentantIn nützlich/passend/hilfreich für die KlientIn ist. Denn: Über andere Personen können wir uns irren und die Aufstellung kann überraschende (scheinbar unpassende) Reaktionen zeigen. Passt aber die Reaktion der eigenen RepresentantIn nicht – so ist die Aufstellung sehr wahrscheinlicht nicht hilfreich für die KlientIn und sollte abgebrochen, oder verändert werden.

Die Antwort (Reaktionen) der Representanten auf eine Intervention kann mit folgenden typischen Fragen abgefragt werden:

  • Was ist anders, seit Du representierst?
  • Ist es eher besser/schlechter/gleich/anders? Hierbei gehen wir bewusst meist garnicht in das Inhaltliche (was ist anders), da es hierbei zu viele Irrtumsmöglichkeiten gäbe, weil “eigenes” der Representanten mit dem aufgestellten Fall vermischt würde.

Diese Fragen stehen für ein “unterschiedsbasiertes Arbeiten”.

Soweit der Inhalt dieser zweiten Woche auf dieser Lernreise.

Reflexion: Die hier gesehende Herangehensweise, eine Aufstellung als Werkzeug zur Erweiterung des Denkrahmens für mich, oder andere Menschen nutzbar zu machen lässt mich aufatmen. Wesentlich dabei ist, der Respekt vor der “KlientIn” und ihrer Einschätzung über “richtiger Film oder nicht”, da der Aufstellungsleitende damit eine Ehrfürchtige und bescheidene Position einnimmt “Ich maße mir nicht an zu wissen, was für die KlientIn eine wertvolle Erkenntnis ist” – DAS ist der Kern, der meiner Ansicht nach jegliches Coaching erst wirksam, nützlich und angenehm zugleich macht. Auch wird die Lösungsorientierung durch diese Einstellung enorm beflügelt.

Und im Alltag? Kann ich diese Bescheidenheit nicht auch in zahllosen Situationen des Alltags zum Gewinn aller beteiligten Mitmenschen einsetzen? Mir scheint, dass es für mich viel zu oft unreflektiert geblieben ist, ob die Wirkung meiner “Interventionen” (Kommentare, Reaktionen, usw. gegenüber Mitmenschen) nützlich für sie sind. An der Bescheidenheit, zu wissen, dass ich es nicht weiß werde ich arbeiten und bin überzeugt damit ein Stück hin zu einer lösungsorientierteren Geisteshaltung zu machen.

Bis nächste Woche – Euer Benedikt Pape

Ich lerne Systemische Strukturaufstellungen kennen – Teil 1

Heute beginne ich mit der ersten DVD – 6 Stunden Filmmaterial und 12 begleitende Lerngruppen-Treffen (über LinkedIn und Twitter zusammengefunden) stehen mir bevor. Und ich habe mich vielleicht noch nie so sehr auf eine Lernreise gefreut – gleichermaßen wegen den tollen Mitlernern und dem für mich so spannenden Thema.

Parallel zum DVD schauen, sammle ich hier ein paar Erkenntnisse, denn ich bin im zwischen darüber im Klaren, dass ich gut lerne, wenn ich Lerninhalte gestalte.

Systemische Strukturaufstellungen wurden von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibed entwickelt. Es handelt sich dabei um Strukturen aus Logik und Philosopie. Daraus hat Matthias Varga von Kibed Schemata entwickelt. Insa Sparrer hat ihre Erfahrungen mit lösungsfokussierte Ansätzen eingebracht. Damit war die Grundlage für die SySt Arbeit, die SySt Tools, SySt Formate und SySt Miniaturen geschaffen. Was das alles ist, will ich heute lernen.

Im Gegensatz zur Familien-Aufstellung ist bei Systemischen Strukturaufstellungen zu Beginn erstmal nicht klar, wer oder was aufgestellt werden wird. Es wird hier eine mögliche Unabhängigkeit zwischen Problem und Lösung zugelassen.

Für einen lösungsfokussierten Ansatz ist ein gutes Beispiel: Bittet man Menschen mit Problemen vor beginn einer Therapie sich zu überlegen, was bisher GUT ist und so bleiben kann – so erleben die meisten bereits eine erhebliche Verbesserung der Situation. Die Suche nach Ursachen des Problems war also für eine Verbesserung nicht notwendig und ist jedenfalls nicht lösungsfokussiert.

Lösungsfokussierte Arbeit geht davon aus, dass der Klient die Kompetenz zur Lösung hat, nicht der Therapeut. Der Therapeut versteht es, lösungsfokussierte Fragen zu stellen.

SySt steht für Systemische Strukturaufstellungen.

Die Philosopie Wittgensteins kann als theoretischer Unterbau für die Lösungsfokussierte Arbeit gesehen werden. Letztere ist aber ohne die Philosophie aus der Praxis entstanden.

Soweit der erste Abschnitt der DVDs – Grundlagen der Systemischen Strukturaufstellung.

Für mich ist dabei eine starke Anziehung zur lösungsfokussierten Arbeit nochmal deutlicher spürbar geworden. Die Lösungsfokussierung scheint mir ein viel zu selten angewandter Ansatz, der viel Leid ersparen und schnelle Verbesserungen hervorrufen kann.

Insa Sparrer zuzuhören ist unglaublich eingängig, denn sie ist trotz ihrer Expertise so nahbar und pragmatisch.

Ich empfinde ich bei der Beschäftigung mit SySt ein großes Potential für die Lösung meiner eigenen Probleme / Entscheidungen / Traumata. Die Vorstellung gefällt mir, dass Lösungsfokussierung mit Logischen Strukturen verknüpft sind und damit leichter greifbar für mich werden.

Als ersten Schritt, werde ich ab sofort versuchen, lösungsfokussierte Fragen für meine eigene Problemlösung zu finden. Gleichzeitig fühle ich mich dabei noch recht orientierungslos – was ich hoffe während dieser Lernreise zu verbessern.

Bei der Vorstellung, meine Probleme künftig lösungsfokussiert angehen zu können, fällt mir jetzt schon ein Stück von einem Stein vom Herzen. 🙂

Bis zum nächsten mal! – Euer Benedikt Pape

Links und Hinweise:

  • Hashtags: #BenesLernreise und #SySt auf Twitter und linkedIn
  • DVD-Material: https://www.systmedia.com/shop/Einf%C3%BChrung-in-die-Systemischen-Strukturaufstellungen-SySt%C2%AE-p143419668

Podcast hören – so einfach geht das

Nur 10% meiner Podcast Hörer hören über den Podcast-feed. Und das, obwohl das Podcast hören über eine Podcast App (auch Podcatcher genannt) so bequem ist.

Ich vermute also, dass die wenigsten wirklich wissen, wie das Podcast hören am besten geht. Daher hier ein paar Basics, die mir am Anfang selbst nicht ganz klar waren.

„Podcast hören – so einfach geht das“ weiterlesen

Kritik ist Gefahr, außer von Bewunderern – ein paar Gedanken

Ich postuliere: Meine Kritik ist nur wertvoll, für jene, die von mir bewundert werden. Die Kunst ist es also, jeden Menschen bewundern zu können.

„Kritik ist Gefahr, außer von Bewunderern – ein paar Gedanken“ weiterlesen

Meine Top Ten Lernquellen zum Podcasting

Heute möchte ich Euch eine Liste von Lernquellen zusammenstellen, die mir in den vergangenen Monaten geholfen hat, meine Pocdasting Kompetenzen voranzubringen.

„Meine Top Ten Lernquellen zum Podcasting“ weiterlesen

Meine erste Webinar-Moderation – gelernt von Eva Hörtrich

Letzte Woche – pünktlich einen Tag vor dem von mir eingeladenen Webinar “FACTSoverview Refresher and Q&A” habe ich bei Eva Hörtrich (https://lerntrixx.de/) ein Webinar zu Methoden im Online learning mitgemacht. Alles passte perfekt zusammen und ich konnte gleich am nächsten Tag vieles umsetzen – zur Begeisterung der Teilnehmer.

„Meine erste Webinar-Moderation – gelernt von Eva Hörtrich“ weiterlesen

Heute 1.5.2020 14:30 – 15:15 erster podcast Broadcast: Lernbar Berlin

Ich bin heute erstmals live “On Air” mit meinem Faces of Transformation Podcast. Werde live mit drei Initiatoren der Lernbar Berlin über ihre Initiative sprechen. Bis zum Schluss wird die Spannung bleiben, ob auch wirklich alles klappt – vier Personen an verschiedenen Orten streamen in meine Aufnahme-software und ich (Ultraschall.Fm mit Studio-link.de) streame das dann nach draußen. 1430 – 1515 sollte der broadcast laufen:

Broadcast Adresse: https://stream.studio-link.de/fotcast

Seid gespannt und habt eventuell Geduld und Verständnis, falls etwas doch nicht klappen sollte. Im Zweifel kann man natürlich bald nachhören in meinem Podcast hier auf dem Blog :).

Euer Benedikt Pape

Mein Weltbild macht meine Welt

“Och süß, Du glaubst also wirklich, dass die Menschen gutes im Sinn haben?” Ich glaube Menschen, die das sagen, haben ihr Weltbild aufgegeben, zugunsten eines schlechteren Weltbilds. Und ja, ich glaube, dass alle Menschen glauben etwas gutes zu tun, denn Menschen sind wundervoll!

„Mein Weltbild macht meine Welt“ weiterlesen

Basel – Radfahren. Vielfalt. Leben.

Jetzt noch mal ein bisschen unter die Leute gehen, vielleicht einen happen Essen? Wir gingen dazu in die Basler Markthalle. Einer der größten Kuppelbauten der Welt – bis 2004 dem Marktbetrieb vorbehalten – wurde in Basel zeitgemäß zu einem städtischen Zentrum des Lebens gemacht. Eine internationale Vielfalt von appetitanregenden Essensständen, einige ganz besondere Kneipen und Cafes, sowie ein Naturkost Laden und viel Raum für kulturelle Veranstaltungen locken hier täglich Menschen zum Verweilen an. Zwischendrin stehen Tische und Bänke für Jedermann – zum Beispiel, zum geselligen Genuss der Köstlichkeiten, die sich jeder nach seinen Vorlieben von den Ständen holt. Und: Das Konzept geht auf! Hier tobt das Leben. Hier treffen sich verschiedenste Menschen jeden Alters. Hier findet Kultur statt. So konnten wir am Samstag Abend zum Beispiel neben Leckereien – wir hatten Persisch, Chinesisch und Indisch am Tisch – auch noch so manche Dachbodenschätze auf dem “Retro-Flohmarkt” von 18-23 Uhr bewundern.

In Basel besuchte ich einen alten Freund, der kürzlich dort hingezogen ist. Keine schlechte Wahl für einen Wohnort, scheint mir, denn schon lange vor dem Besuch der Markthalle, hat mich Basel begeistert. Steigt man in Basel aus der Bahn fällt einem leidenschaftlichen Radfahrer wie mir noch vor Verlassen des Bahnhofs ein großes Hinweisschild auf. Es zeigt ein Fahrrad und weist auf die “VeloStation” direkt im Keller des Hauptbahnhofs hin. An einem Rund um die Uhr besetzten Schalter werden einem die Möglichkeiten erklärt, die sich hier bieten: Für einen Franken pro Tag kann man hier sein Fahrrad sicher hinter Zaun und Drehtoren in großzügigen und Rahmenschonenden Fahrradständern abstellen. Vor der Ausfahrt steht natürlich gleich eine Reifendruck-Station zu Verfügung. Kein eigenes Rad dabei? Kein Problem, von Mountainbike in allen Größen bis E-Bike kann man hier zu vernünftigen Tagesmieten ein Leihrad haben. Mit einem der Mountainbike habe ich mit meinem langjährigen schweizer Freund eine herrliche Runde über die Hügel der Umgebung gemacht. Auf dem Weg aus der Stadt heraus geht das Staunen eines deutschen Klein-Großstädters (der bis vor ein paar Jahren noch dachte, Erlangen sei eine vorbildliche Fahrradstadt) weiter. Der Radweg beginnt direkt im Keller, führt über eine Rampe hoch auf den Bahnhofsplatz und danach direkt in die mehrere Hundert Meter lange “Postpassage” – unter Dach, ein reiner Radweg für zwei Richtungen. Keine Autos, keine Fußgänger. Und so geht das dann weiter – der Radweg ist meist wirklich separat von den Autos geführt. Kleine Nebenstraßen wurden für den Radweg von Autos befreit und explizit als Radweg ausgewiesen. Die Wegführung ist dennoch gerade genug, dass man auch als sportlicher Berufspendler wirklich schnell durchfahren kann. Ja, es geht also. Mir scheint Radfahrer haben hier eine starke Stimme. Ich denke, das ist gut für die Menschen einer Stadt. Denn Radfahrer bringen höchstens menschliche Abgase in die Stadt – sie bringen Leben in die Straßen – keinen Feinstaub, keinen Lärm, keine Lebensgefahr.

Der Kaffee und der “Crazy Nuts” Kuchen in der “Mitte” sind sensationell. In diesem Café fühle ich mich mal wieder so richtig mittendrin in guter Gesellschaft. Und wie ich nachher erfahre: Es ist auch ein Unternehmen von ganz besonderen Menschen. Die Macher der Mitte (www.mitte.ch) setzen sich seit 1990 für das bedingungslose Grundeinkommen (www.grundeinkommen.ch) ein und scheinen entsprechend auch das Café (auch Hotel und kultureller Veranstaltungsort) sehr werteorientiert zu führen.

Ich bin fasziniert. Basel hat mit 171000, auch nur nicht mal doppelt so viele Einwohner, wie meine Heimatstadt Erlangen. Dennoch fühle ich mich hier ob der tollen Fahrradinfrastruktur, der kulturellen Angebote und der gesellschaftlichen Lebensmittelpunkte wie in einer echten und vor allem modernen Großstadt.

Weblinks: