Erlangen – jetzt mit Schildbürgerstreich in der Bismarckstraße

Touristische Attraktionen hatten wir bisher nicht viel zu bieten in Erlangen (abgesehen von vielen keinen Anekdoten, die unsere Stadt so liebenswert machen), aber jetzt haben wir eine echte Attraktionen: ganz in der Nähe von Deutschlands wohl einzigem Kreisverkehr, in dem jede Einfahrt Vorfahrt hat (rechts vor links), haben wir nun eine Kreuzung entworfen, die das Herz jeden Verkehrsplaners und Sensationstouristen höher schlagen lässt. In anderen Worten, ein echter Schildbürgerstreich ist Teil unserer Stadt geworden.

Wie soll ich es beschreiben, na man stelle sich vor auf eine Kreuzung zuzufahren, deren Hauptrichtung nach links abknickt. Vor der Kreuzung werden Sie begrüßt von zwei Spuren – die rechte davon zeigt einen Pfeil nach rechts. (Das Geheimnis der Rechtsabbiegerspur wird man aber erst später verstehen.)

Die Ampel ist grün und Sie haben sich entschieden gerade aus zu fahren (kein Blinken, kein Bremsen), auch wenn hier in beulenförmiger Gehsteig von rechts in die Straße hineinragt und Sie einen kleinen Bogen fahren müssen. Noch während Sie sich fragen, was es wohl mit diesem Beulen-Gehsteig aufsich hat, können Sie Ihren Augen nicht trauen.. !!! STOOOPP!! QUIIETSCH!! Gerade noch geschafft anzuhalten. Was fällt den diesem Fußgänger ein, einfach über die Straße zu gehen, während Sie grün haben? Naja, noch mal gut gegangen. Der Fußgänger geht weiter und zeigt Ihnen einen Vogel. Sie begegnen eine wedelnde Hand vor dem Gesicht – unerhört, denken Sie sich. Im Augenwinkel sehen Sie, dass die Fußgänger-Ampel ebenfalls grün zeigt. Sie vermuten, dass Sie vielleicht einen Fehler gemacht haben und bemühen sich nun schnell von der Kreuzung zu fahren, um alles schnell zu vergessen.

STOOOPPP!! QUIIIEETSCH!! Schon wieder hätte es beinahe gekracht – diesmal wäre es zum Glück nur Blech gewesen.. Kommt doch einfach einer mitten über die Gehsteig-Beule von rechts und will sich vor mir auf die Straße einreihen. Seit wann dürfen Autos über den Gehsteig fahren, denken Sie sich. Gut, Sie sind ohnehin durcheinander, Sie lassen den ebenfalls verwirrt und hilflos schauenden Fahrer vor sich einfädeln.

Jetzt aber nichts wie weg von dieser Kreuzung! STOOOPP QUIIEETSCH!! Warum wendet dieser Idiot jetzt auch noch vor Ihnen auf der Straße?! Na heute scheinen sie alle verrückt zu spielen, denken Sie, und gewinnen gleichzeitig an Selbstvertrauen, was den Fußgänger anging – die haben doch alle was getrunken. So endet ihr erstes Erlebnis mit der neuen Bismarck-Kreuzung und vielleicht würden Sie nie das ganze Geheimnis erfahren.

Inzwischen war ich drei mal bewusst ein paar Minuten auf dieser Kreuzung, jedes Mal wieder auf der Suche nach dem eigentlichen Geheimnis das uns der Verkehrsplaner hier verschlüsselt hat. Ein paar Coups meine ich schon entschlüsselt zu haben, wie folgt:

Coup 1) Die Rechtsabbieger-Spur

Die Rechtsabbieger-Spur soll garnicht nach rechts führen. Bei genauem Hinschauen versteht man, dass die Straße, die hier von rechts in die Kreuzung mündet eine Einbahnstraße ist – sie führt auf die Kreuzung zu und zeigt den Rechtsabbiegern klare “Einfahrt verboten” Schilder. Jetzt verstehen Sie auch, warum der Weg zum Rechtsabbiegen nur über den (wenn auch abgesenkten) Gehsteig führt. Wo führt uns die Rechtsabbieger-Spur denn dann eigentlich hin? Jetzt erst erschließt sich der Gedanke des Verkehrsplaners, der wohl mit der Gehsteig-Beule dafür sorgen wollte, dass die Geradeaus-Richtung zum Rechtsabbieger umgewidmet wird.

Der unvorbereitete geradeaus Fahrer wird aber zielgerichtet und intuitiv die “Rechts-Abbiegerspur” als Abzweig in die Glücksstraße missverstehen und zum “Geradeaus-Fahren” die viel besser in der Fahrtlinie liegende Spur der links abknickenden Hauptrichtung verwenden.

Coup2: Die Fußgänger-Ampel-Schaltung

Konsequent nach Coup 1, welcher die Geradeaus-Richtung als Rechtsabbieger umwidmet, wird nun die Fußgänger-Ampel gleichzeitig mit den geradeaus fahrenden Autos grün geschaltet. Wehe dem also, der beim Geradeaus fahren nicht weiß, dass er ein Rechtsabbieger ist! Oder besser Wehe dem Fußgänger, der von der ganzen Misere nichts ahnen kann.

Coup3: Die Einmündung der Glücksstraße in die Kreuzung über den Beulengehsteig

Schauen wir uns nun an, wie es den Autofahrern ergeht, die aus der Einbahnstraße Glückstraße kommen. Hier lohnt sich das Verweilen für den echten touristischen Genießer. Ein Café gibt es auch und der Gehsteig vor dem Café ist großzügig breit und sieht aus, als wäre er geradezu gemacht für das aufstellen von Tischen.. Doch, warum kommt denn hier nun ein Auto angefahren, mitten auf dem Gehsteig? Der Fahrer des Wagens scheint ähnlich verloren wie wir, denn er kam nun mal aus der Glückstraße und wundert sich nun über einige Merkwürdigkeiten. Nämlich:

Die Glückstraße hatte kein Glück, sie hat nämlich nichteinmal eine Ampel bekommen. Das erschließt sich dem touristischen Genießer nur bei genauem hinsehen, denn die Straßenführung von der Glückstraße wird über den vermeintlichen “Gehsteig” anhand einiger weniger unscheinbarer etwas dunklerer Steine vorbei an der Kreuzung direkt in die Bismarck Straße geführt. Auf dem Weg dorthin kreuzt sie leider den Bereich, der zunächst als wie gemacht für Tische missverstanden wurde. Zu guter letzt muss sich der glücklose Autofahrer aus der Glückstraße nun auch noch ungeregelt in den Bismarck-Straßen Verkehr einreihen. Doch dem nicht genug.

Coup 4: Wer aus der Glücksstraße kommt will meist garnicht in die Bismarckstraße, sondern in die geradeaus liegende Hauptrichtung, die Schillerstraße. Vermutlich zugunsten der Barrierefreiheit hat man nun diesen (verbotenen) Weg von der Glücksstraße über den Beulen-Gehsteig mitten hinein in die abknickende Hauptrichtung nur mit einem abgesenkten Bordstein getrennt. Zwei Baustellen-Poller weisen darauf hin, dass diese verbotene Fahrtrichtung bereits von vielen genutzt wurde (die dann übrigens völlig orientierungslos, ob der vollständigen Abwesenheit von verkehresrgelnden Schildern oder Ampel-Signalen, in die Kreuzung hereinstolpern).

Wir genossen das Spektakel an einem Sonntag Nachmittag für etwa 10 Minuten. Während wir hier verweilten, entschied sich einer der fünf gleichermaßen verwirrten Autofahrer aus der Glücksstraße für den Weg – vorbei an den lästigen Pollern geradewegs in die Schillerstraße. Die anderen vier Fahrzeuge irrten mehr oder weniger entlang der offenbar vom Planer intendierten Straßenführung über den Gehsteig, direkt vor der Tür des Cafés vorbei, dann etwas verunsichert hinein in den Verkehr der “geradeaus-fahrenden Rechtsabbieger”.. Dann nach wenigen Metern in Hilflosigkeit mitten auf der Straße wendend zurück auf die touristisch attraktive Kreuzung, um nun doch regulär rechts abzubiegen und endlich am gewünschten Ausgang der Kreuzung angekommen zu sein. Vier von fünf Fahrern aus der Glücksstraße hatten somit doch noch Glück, denn sie konnten doppelt genießen. Einen echten Schildbürgerstreich – und wer weiß, wie lange es ihn noch gibt. Die Poller lassen vermuten (hoffen?), dass zumindest ein Teil der Brisanz dieser Kreuzung schon jemandem aufgefallen ist.

Fazit: Ich rate jedem, der in seinem Leben noch einmal einen echten Schildbürgerstreich erleben möchte, nach Erlangen zu kommen. Diese Kreuzung muss man live und in Farbe erlebt haben. Vielleicht aber besser zu Fuß – denn mit dem Auto wäre das nun wirklich zu heikel. Kommen Sie also zu Fuß, und zwar ohne dabei eine der Fußgänger Überquerungen zu überqueren – das wäre zu gefährlich, man weiß nie ob wieder ein Autofahrer auf die falsche Ampel geschaut hat. Und benutzen sie auch nicht den Gehsteig vor dem Café, hier fahren verwirrte Autofahrer umher. Nein, setzen sie sich am besten gleich in das Café an der Ecke Glücksstraße hinein, und genießen sie den Blick auf die Kreuzung von einem sicheren Platz am Fenster.

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