Kritik ist Gefahr, außer von Bewunderern – ein paar Gedanken

Ich postuliere: Meine Kritik ist nur wertvoll, für jene, die von mir bewundert werden. Die Kunst ist es also, jeden Menschen bewundern zu können.

Gestern habe ich einen bewegenden Kurzvortrag mit Diskussion von Janett Triskiel gehört (Reihe “Wertschätzung um 6” von Berlin Alley). Es ging um Defensivmechanismen in (Feedback-)Gesprächen. Der Vortrag hat bei mir unglaublich viele anknüpfbare Erfahrungen geweckt, denn ich erlebe sie ständig, die Devensivmechanismen – bei mir und meinen Gesprächspartnern beiderseits.

Kritik ist eine potentielle Gefahr für unser Selbstwertgefühl. Und das wiederum ist eines der kostbarsten Güter, die unser Gehirn zu schützen bemüht ist. Entsprechend vielseitig sind die Reaktionen, mit denen wir uns vor Kritik schützen:

  • Widerspruch (“alles Quatsch”),
  • Leugnung (“ich bin nicht schuld”),
  • Projektion (“die anderen sind viel schlimmer”) oder
  • Psychologische Distanz (“mag alles sein”).

Was bedeutet diese Erkenntnis nun für mein Handeln? Für mich ist ziemlich schnell klar gewesen, dass es da keine einfache Methode gibt, um die Kritik mit etwa anderen Worten dann doch noch anbringen zu können. Vielmehr glaube ich, dass schon vorher eine Zutat üppig vorhanden sein muss, um all das Verteidigen zu vermeiden: Wertschätzung ist zu schwach. Bewunderung trifft es besser. Nur wer unerschütterlicher Gewissheit ist, dass er vom anderen bewundert und geschätzt wird, kann sich auf dessen Kritik einlassen, ohne sein Selbstwert Gefühl bedroht zu sehen. Soweit mein Postulat.

Wenn das aber so ist, was bedeutet das für unser Zusammenleben?

Wir wollen alle von und mit unserem Umfeld lernen. Hinweise auf mögliche Verbesserungen sind also etwas sehr wertvolles für unsere Entwicklung und für unser Lernen. Und anders herum: Ich will hilfreich sein! Ich will anderen helfen zu lernen, denn das gibt mir Sinn und macht mich glücklich (steigert mein Selbstwertgefühl).

Folglich komme ich zu dem Schluss: Ich sollte Kritik nur mit jenen Menschen teilen, die ich bewundere, denn bei den anderen würde ich damit ihr Selbstwertgefühl bedrohen und sie schwächen, statt stärken.

Weiterhin folgere ich: Ich sollte mich überhaupt nur mit Leuten umgeben, die ich bewundere. Denn meine Kritik wird ohnehin unvermeidlich zum Ausdruck kommen – durch die vielschichtigen Fassetten der zwischenmenschlichen Kommunikation. Und damit würde ich jene, die ich nicht bewundere unvermeidlich schwächen, statt stärken. Das will ich nicht.

Da das nicht ganz klappen wird kam ich zu dem eventuell realitätsnäheren Ansatz: Ich sollte mich bemühen alle Menschen in meinem Umfeld zu bewundern – bewundern für das was sie gut können. Ich glaube, dass das möglich ist, denn bewundernswerte Seiten hat jeder Mensch. Ich muss mich dazu allerdings auf Situationen einlassen, in denen die/der andere stark ist und ihre/seine Kompetenzen ausleben kann. Dieses Einlassen auf der/des Anderen Stärken scheint mir allerdings meinen üblichen Verhaltensmustern zu widersprechen. Ich befinde mich viel lieber in den Situationen, in denen ich stark bin.

Die Gedanken des letzten Abschnitts lassen mich viel über mich, mein privates wie berufliches Umfeld und über Führungskultur nachdenken.

Zum Schluss möchte ich Janett und Stephan Pfob von ganzem Herzen für das gestrige Gespräch bedanken, in dem Janett ihr so wertvolles Wissen mit uns geteilt hat.

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